Tuite in Shotokan
Tuite
ist nichts weiter als Gelenkmanipulation hauptsächlich Handgelenk und
Ellbogen. Also eher Wissen um die Körpermechanik als Technik. Aber was
hat das mit Shotokan zu tun, tönt ja eher nach Ju Jutsu als Karate. Wenn
man Karate aber als Kampfkunst versteht und weniger als Sport, macht
das durchaus Sinn. Die alten Meister haben sich genau überlegt, welche
Situationen in einer Konfrontation auftreten könnten.
Die
alten Kampfkünste lehrten wie man überlebt. Sie trainierten jedes
mögliche Szenario und bereiteten auch auf den Tod vor, wenn
unumgänglich. In den alten Zeiten trainierten die Meister die ganze
Zeit, auch während des normalen Alltags. Das Ziel war nicht zu
verlieren, ohne Rücksicht, auch unter Verwendung schmutziger Tricks.
Miamoto Musashi ist ein sehr gutes Beispiel für diese Einstellung.
Aber
zurück zu den Gelenkmanipulationen. Sind diese im modernen Shotokan
noch vorhanden? Man sollte sich nicht dem Irrglauben hingeben, nur weil
wir das nicht mehr trainieren. In den Katas gibt es sehr viele
Bewegungen, die sich mit dem normalen Kihon und Kumitetraining nicht
erklären lassen. Ein fortgeschrittener Karateka sollte sich durchaus mit
diesen Möglichkeiten befassen. Im Goju-ryu werden Tuite Techniken in
den Kata Anwendungen noch trainiert und die Meister des Shorin-ryu aus
Okinawa zeigen immer häufiger wieder solche Techniken. Meister Nakayama
hat in seinen Selbstverteidigungsbücher viele Hebel-Techniken gezeigt.
Auch in den Demonstrationen von JKA-Instruktoren greifen diese gerne auf
solche Hebeltechniken zurück.
Wenn man sich damit
beschäftigt, wie Karate ursprünglich ausgesehen hat, kommt man um die
Gruppe von Shigeru Nakamura nicht herum. Auch Hohan Sokon als direkter
Nachfahre von Matsumura und einem seiner talentiertesten Schüler Kise
Fusei, der als Experte in Sachen Tuite gilt, vermittelt den Eindruck,
dass Tuite im Karate eine Selbstverständlichkeit war. Was hat das aber
mit der heutigen Zeit zu tun? Mann kann sie im Wettkampf ja nicht
einsetzen, da sie den Regeln widersprechen. Nun man kann ja aber auch
nicht bei jedem kleinen Gerangel, dem anderen die Zähne ausschlagen, da
sind solche Techniken in der Selbstverteidigung schon nützlich.
Da
diese Techniken nicht zum Curriculum des Shotokan zählen, gilt es die
Grundlagen in den Katas zu finden. Kata gilt auch heute noch als eine
Säule des Karate, wobei die Gewichtung eher an Bedeutung verliert.
Meiner Meinung nach vermitteln die Katas weniger Techniken als Konzepte.
Die Katas geben nur die Möglichkeit, die Bewegungsabläufe zu
automatisieren und im Muskelgedächtnis zu speichern. Kata sind eher
Nachschlagewerke für unbegrenzte Möglichkeiten. Es gilt herauszufinden,
warum gewisse Bewegungen und Drehungen genau so gemacht werden, wie in
der Kata definiert. Und warum gerade diese Technik auf die andere folgt.
Nimmt man zum Beispiel die Sequenz aus der Heian Godan mit dem
Doppelblock, kann man diese Bewegung durchaus in eine fortlaufende
Hebelkette interpretieren. Die Hebelkette muss nicht unbedingt in einer
Selbstverteidigungssituation funktionieren. Das würde ja voraussetzt,
dass die Situation sich genauso abspielt und das ist in einer
Selbstverteidigungssituation eher nicht der Fall. Die Hebelkette
vermittelt aber ein gutes Verständnis der Körpermechanik und der zu
Grunde ligenden Konzepte.
Also gilt diese Prinzipien zu
finden und dann in allen erdenklichen Situationen zu üben. Wohl gemerkt,
nicht die Techniken, sondern die Prinzipien. Für ein Erlernen der
Techniken ist am Anfang ein Greifen sicher eine gute Option. Hat man das
Prinzip aber einmal begriffen, gilt es dynamisch zu üben. Wenn man das
Prinzip einmal verinnerlicht hat, kann man mit Kyusho die ganze Sache
noch effektiver machen, in dem man mit den Nervenmanipulationen die
Technik einfacher ausführen kann und nicht nur mit roher Gewalt. Oder
eben in dem man mit den Nervenmanipulationen die normalen
Schutzfunkionen des Körpers umgeht und die Techniken mit fataler Wirkung
beendet, was früher mal wohl beabsichtigt war. Hat man sich mal in die
Materie der schnell zuckenden Muskelfasern, Reflexe, goli Tendon und
Körperelektronik eingearbeitet und die Theorie über Sound einigermassen
begriffen, wird es richtig interessant. Kyusho-International bietet mit
seinem Curriculum eine perfekte Ergänzung zum konventionellen
Karate-Training und bringt so das Karate wieder zu einer Gesamtheit als
Kampfkunst das es einmal war. Tuite ist da ebenso ein Bestandteil wie
Würfe und Bodenkampf.
Die
Fotosequenzen in diesem Artikel befassen sich mit den Hebeltechniken
der Kata Heian Godan und zeigen Bewegungsabläufe die zu den Bewegungen
passen. Die Herausforderung besteht nun die Prinzipien zu erarbeiten und
in so vielen Szenarien wie möglich zu üben. Aber nur das allein würde
ein Seminar füllen. Die Bewegungsabläufe wurden anlässlich des
Instruktoren-Kurses von Kyusho-International in Weimar BRD erarbeitet.
Dirk-Uwe Damm, KI Ceryfing Instructor und 5. Dan Shotokan hat
massgeblich an den Sequenzen mitgearbeitet und als Fotopartner
mitgewirkt. Ein Dank geht auch an die KI Instruktoren aus anderen
Stilen, die uns mit Rat und Tat unterstützt haben. Mein spezieller Dank
gilt Evan Pantazi für die Vermittlung des Wissens um die Vitalenpunkte
und Körperfunktionen.
Es gilt für diejenigen Karatekas, die
nicht unbedingt Wettkämpfe bestreiten wollen oder ihre Wettkampf
Karriere hinter sich haben, die Kampfkunst so umfassend wie möglich zu
unterrichten. Vor allen die Kataübungen gewinnen so wieder mehr an Wert
und Funktion. Wir sollten aber auf keinen Fall das Karate zu einem
Jujutsu umgestalten. Tuite im Karate hat nur die Funktion den Gegner aus
dem Konzept oder Gleichgewicht zu bringen um dann zu Schlagen oder zu
Treten. Im Karate geht es prinzipiell nicht um das Hebeln, des Hebelns
willen, sondern es ist nur eine positive Erweiterung des Grundkonzeptes.
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