Donnerstag, 22. September 2022

Tuite in Shotokan

Tuite in Shotokan

Tuite ist nichts weiter als Gelenkmanipulation hauptsächlich Handgelenk und Ellbogen. Also eher Wissen um die Körpermechanik als Technik. Aber was hat das mit Shotokan zu tun, tönt ja eher nach Ju Jutsu als Karate. Wenn man Karate aber als Kampfkunst versteht und weniger als Sport, macht das durchaus Sinn. Die alten Meister haben sich genau überlegt, welche Situationen in einer Konfrontation auftreten könnten.
Die alten Kampfkünste lehrten wie man überlebt. Sie trainierten jedes mögliche Szenario und bereiteten auch auf den Tod vor, wenn unumgänglich. In den alten Zeiten trainierten die Meister die ganze Zeit, auch während des normalen Alltags. Das Ziel war nicht zu verlieren, ohne Rücksicht, auch unter Verwendung schmutziger Tricks. Miamoto Musashi ist ein sehr gutes Beispiel für diese Einstellung.
Aber zurück zu den Gelenkmanipulationen. Sind diese im modernen Shotokan noch vorhanden? Man sollte sich nicht dem Irrglauben hingeben, nur weil wir das nicht mehr trainieren. In den Katas gibt es sehr viele Bewegungen, die sich mit dem normalen Kihon und Kumitetraining nicht erklären lassen. Ein fortgeschrittener Karateka sollte sich durchaus mit diesen Möglichkeiten befassen. Im Goju-ryu werden Tuite Techniken in den Kata Anwendungen noch trainiert und die Meister des Shorin-ryu aus Okinawa zeigen immer häufiger wieder solche Techniken. Meister Nakayama hat in seinen Selbstverteidigungsbücher viele Hebel-Techniken gezeigt. Auch in den Demonstrationen von JKA-Instruktoren greifen diese gerne auf solche Hebeltechniken zurück.
Wenn man sich damit beschäftigt, wie Karate ursprünglich ausgesehen hat, kommt man um die Gruppe von Shigeru Nakamura nicht herum. Auch Hohan Sokon als direkter Nachfahre von Matsumura und einem seiner talentiertesten Schüler Kise Fusei, der als Experte in Sachen Tuite gilt, vermittelt den Eindruck, dass Tuite im Karate eine Selbstverständlichkeit war. Was hat das aber mit der heutigen Zeit zu tun? Mann kann sie im Wettkampf ja nicht einsetzen, da sie den Regeln widersprechen. Nun man kann ja aber auch nicht bei jedem kleinen Gerangel, dem anderen die Zähne ausschlagen, da sind solche Techniken in der Selbstverteidigung schon nützlich.

Da diese Techniken nicht zum Curriculum des Shotokan zählen, gilt es die Grundlagen in den Katas zu finden. Kata gilt auch heute noch als eine Säule des Karate, wobei die Gewichtung eher an Bedeutung verliert. Meiner Meinung nach vermitteln die Katas weniger Techniken als Konzepte. Die Katas geben nur die Möglichkeit, die Bewegungsabläufe zu automatisieren und im Muskelgedächtnis  zu speichern. Kata sind eher Nachschlagewerke für unbegrenzte Möglichkeiten. Es gilt herauszufinden, warum gewisse Bewegungen und Drehungen genau so gemacht werden, wie in der Kata definiert. Und warum gerade diese Technik auf die andere folgt. Nimmt man zum Beispiel die Sequenz aus der Heian Godan mit dem Doppelblock, kann man diese Bewegung durchaus in eine fortlaufende Hebelkette interpretieren. Die Hebelkette muss nicht unbedingt in einer Selbstverteidigungssituation funktionieren. Das würde ja voraussetzt, dass die Situation sich genauso abspielt und das ist in einer Selbstverteidigungssituation eher nicht der Fall. Die Hebelkette vermittelt aber ein gutes Verständnis der Körpermechanik und der zu Grunde ligenden Konzepte.
Also gilt diese Prinzipien zu finden und dann in allen erdenklichen Situationen zu üben. Wohl gemerkt, nicht die Techniken, sondern die Prinzipien. Für ein Erlernen der Techniken ist am Anfang ein Greifen sicher eine gute Option. Hat man das Prinzip aber einmal begriffen, gilt es dynamisch zu üben. Wenn man das Prinzip einmal verinnerlicht hat, kann man mit Kyusho die ganze Sache noch effektiver machen, in dem man mit den Nervenmanipulationen die Technik einfacher ausführen kann und nicht nur mit roher Gewalt. Oder eben in dem man mit den Nervenmanipulationen die normalen Schutzfunkionen des Körpers umgeht und die Techniken mit fataler Wirkung beendet, was früher mal wohl beabsichtigt war. Hat man sich mal in die Materie der schnell zuckenden Muskelfasern, Reflexe, goli Tendon und Körperelektronik eingearbeitet und die Theorie über Sound einigermassen begriffen, wird es richtig interessant. Kyusho-International bietet mit seinem Curriculum eine perfekte Ergänzung zum konventionellen Karate-Training und bringt so das Karate wieder zu einer Gesamtheit als Kampfkunst das es einmal war. Tuite ist da ebenso ein Bestandteil wie Würfe und Bodenkampf.

Die Fotosequenzen in diesem Artikel befassen sich mit den Hebeltechniken der Kata Heian Godan und zeigen Bewegungsabläufe die zu den Bewegungen passen. Die Herausforderung besteht nun die Prinzipien zu erarbeiten und in so vielen Szenarien wie möglich zu üben. Aber nur das allein würde ein Seminar füllen. Die Bewegungsabläufe wurden anlässlich des Instruktoren-Kurses von Kyusho-International in Weimar BRD erarbeitet. Dirk-Uwe Damm, KI Ceryfing Instructor und 5. Dan Shotokan hat massgeblich an den Sequenzen mitgearbeitet und als Fotopartner mitgewirkt. Ein Dank geht auch an die KI Instruktoren aus anderen Stilen, die uns mit Rat und Tat unterstützt haben. Mein spezieller Dank gilt Evan Pantazi für die Vermittlung des Wissens um die Vitalenpunkte und Körperfunktionen.  
Es gilt für diejenigen Karatekas, die nicht unbedingt Wettkämpfe bestreiten wollen oder ihre Wettkampf Karriere hinter sich haben, die Kampfkunst so umfassend wie möglich zu unterrichten. Vor allen die Kataübungen gewinnen so wieder mehr an Wert und Funktion. Wir sollten aber auf keinen Fall das Karate zu einem Jujutsu umgestalten. Tuite im Karate hat nur die Funktion den Gegner aus dem Konzept oder Gleichgewicht zu bringen um dann zu Schlagen oder zu Treten. Im Karate geht es prinzipiell nicht um das Hebeln, des Hebelns willen, sondern es ist nur eine positive Erweiterung des Grundkonzeptes.

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen